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Der Kriminalitätsbegriff bei Kindern und Jugendlichen
(DFG-Geschäftszeichen KE 275/13-1)
Ziel des Forschungsprojekts war die Analyse der subjektiven
Kriminalitäts-vorstellungen von Kindern und Jugendlichen zwischen dem 5. und 15.
Lebensjahr sowie den Hintergründen der Vermittlung dieser Vorstellungen.
Der explorative Forschungsansatz umfasste ein breites Methodenspektrum: Neben
46 Gruppendiskussionen in Kindergartengruppen und Schulklassen sowie 75
vertiefenden Einzel- bzw. Zweierinterviews mit Mädchen und Jungen
unterschiedlicher ethnischer Herkunft wurden psychologische Zusatzinformationen
erhoben und ergänzende Interviews mit Eltern und Erziehern geführt und
qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet.
Die zentralen Ergebnisse der Studie:
- Das kindliche Grundverständnis von Kriminalität ist durch einen hohen Grad
intersubjektiver Übereinstimmung geprägt. Nahezu alle Probanden sehen die
direkte, sichtbare und spürbare Schädigung von Individuen im Zentrum ihres
Kriminalitätsbilds.
- Unterschiede der Kriminalitätsvorstellungen lassen sich Faktoren zuordnen:
- Alter: Mit zunehmendem Alter steigt das Abstraktionsniveau. Zudem orientieren
sich die Sanktionsvorstellungen zunehmend weniger an der Person, sondern
stärker an der Tat. Die Tatumstände werden von den älteren Probanden stärker
gewürdigt.
- Geschlecht: Mädchen schätzen mehr Handlungen als kriminell ein als Jungen.
„Moderne“ Delikte wie Stalking und Mobbing werden häufiger von Mädchen
benannt.
- Ethnie: Die Studienergebnisse spiegeln nur geringfügige ethnische
Unterschiede im Hinblick auf Kriminalitätsbilder wider.
- Persönliche Betroffenheit: Die Kinder, die in ihrer Umgebung viel Gewalt
sehen, haben eine veränderte Wahrnehmungsschwelle und ein drastischeres Kriminalitätsbild.
- Auffällig und überraschend ist aus kriminologischer Perspektive, dass sich Parallelen in der Entwicklung der kindlichen Kriminalitätsvorstellungen und
der Entwicklung kriminologischer Theorien zeigen.
- Das Wissen über gesellschaftliche Kriminalitätsnormen, das bei den
allermeisten Probanden vorhanden ist, wirkt sich nicht unmittelbar auf das
Verhalten aus. Zahl-reiche Probanden gaben abweichendes Verhalten zu.
- Die Vermittlung der Kriminalitätsvorstellungen erfolgt vornehmlich durch
die Eltern (Normvermittlung: Konditionierung, Identifizierung, freiwillige
Selbstbindung aus Einsicht), bei älteren Kindern auch durch Lehrer und Medien.
Was als normal an-gesehen wird, hängt bei älteren Kindern/ Jugendlichen
zentral mit den Vorstellun-gen der Gleichaltrigen zusammen.
- Orientierungsrahmen sind bei den jüngeren Kindern die Eltern, bei den
älteren wird ein Bezug zu Gesetzen, Moral, Religion und Kultur hergestellt.
- Die Ergebnisse legen nahe, dass Kinder heute eine Chance zur Emanzipation
haben (wenn geeignete Rahmenbedingungen vorliegen), dass die
Kriminalprävention verstärkt Hintergrundinformationen vermitteln sollte, dass
Tierfiguren sinnvoll bei kriminalpräventiven Maßnahmen bei Kindern bis zu 8
Jahren einge-setzt werden können und dass die Forderungen nach einer
Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters an der Problematik vorbei gehen.
Die Studienergebnisse wurden bislang im Rahmen einer Wirkungsevaluationsstudie
sowie bei der Kinderuniversität auf dem 12. Deutschen Präventionstag
eingesetzt. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden sowohl Praktikern als
auch Wissen-schaftlern zur Verfügung gestellt.
Literaturhinweise:
- Bott, Klaus 2008: Kriminalitätsvorstellungen in der Kindheit. Eine
explorative, kri-minalsoziologische Studie. VS Verlag Wiesbaden.
- Bott, Klaus; Reich, Kerstin; Kerner, Hans-Jürgen (voraussichtlich 2008):
Images of „Crime“ from Kindergarten to High School: Development and
Differentiation of Concepts of Crime and Criminals in the Early Life Course
among Young People in Germany. In: Albrecht, H.-J.; Serassis, T.; Kania, H.
(Eds.): Images of Crime III. Representations of Crime and Criminals in
Politics, Society, the Media, and the Arts <im Druck>.
- Bott, Klaus; Reich, Kerstin; Kerner, Hans-Jürgen 2007: Delinquenz. In:
Beneke, D.; Harz, F.; Schweitzer, F.; Spenn, M. (Hrsg.): Handbuch Arbeit mit
Kindern. E-vangelische Perspektiven. Comenius-Institut, 147-153.
- Bott, Klaus; Reich, Kerstin; Kerner, Hans-Jürgen 2006:
Kriminalitätsvorstellungen von Kindern. Zur Problematik der Entwicklung von
Rechts- und Unrechtsbewusst-sein unter modernen gesellschaftlichen
Bedingungen. In: Praxis der Rechtspsy-chologie. Themenschwerpunkt
Kinderdelinquenz, 8-29.
- Kerner, Hans-Jürgen; Bott, Klaus; Reich, Kerstin 2006: Die Entwicklung von
Kriminalitätsvorstellungen bei jungen Menschen: Versuch einer
Bestandsaufnahme im Kontext der Forschung zum Rechtsbewusstsein und zum
moralischen Urteil. In: Feltes, T.; Pfeiffer, C.; Steinhilper, G. (Hrsg.):
Kriminalpolitik und ihre wissen-schaftlichen Grundlagen. Festschrift für
Professor Dr. Hans-Dieter Schwind zum 70. Geburtstag. C.F. Müller Verlag
Heidelberg, 963-993.
Arbeitsgruppe
- Hans-Jürgen Kerner
- E-Mail: hans-juergen.kerner@uni-tuebingen.de
- Tel. 07071-297 2931
- Klaus Bott
- E-Mail: nicht mehr am IfK (erreichbar über Sekretariat)
- Tel.
- Kerstin Reich
- E-Mail: kerstin.reich@uni-tuebingen.de
- Tel. 07071-297 2018
- Anna Deininger
- E-Mail: nicht mehr am IfK (erreichbar über Sekretariat)
- Tel.
- Thaya Vester
- E-Mail: thaya.vester@uni-tuebingen.de
- Tel. 07071-297 2017
- Bianca Ruhs
- E-Mail: nicht mehr am IfK (erreichbar über Sekretariat)
- Tel.
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ifk@uni-tuebingen.de - Stand 30.
November 2007
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